Shi Jian, Gründer von TAIMU MOTO, tilgt mit Tatkraft das Etikett „Blender“ von chinesischen Motorrädern
Oktober 2026, Chongqing – In einer Werkshalle im Hochtechnologiebezirk Dazu in Chongqing stehen mehrere schlammverkrustete Enduros. Eine davon hat erst im Juli dieses Jahres die als „Höllenklasse“ bekannte Red Bull Romaniacs Hard Enduro absolviert. Dieses Motorrad kostet nur 27.800 Yuan – nicht einmal genug, um bei vielen ausländischen Teams einen Satz Stoßdämpfer zu kaufen –, doch es hat die für Normalsterbliche kaum vorstellbare Teufelsetappe vollständig durchgestanden.

Der Hersteller dahinter ist TAIMUMOTO. In der hart umkämpften chinesischen Motorradszene sind TAIMU und sein Gründer Shi Jian alles andere als gewöhnlich.
„In China gibt es beim Motorradbau eine unausgesprochene Abkürzung, die nennt sich ‚Standardform-Motorrad‘.“ Shi Jian sitzt hinter dem Messestand, seine Stimme klingt etwas resigniert. Er erklärt: „Ein sogenanntes Standardform-Motorrad bedeutet, dass man alle Teile auf dem Markt direkt kaufen kann, sie in der Fabrik zusammenschraubt, seine eigenen Aufkleber draufklebt und schon ist ein ‚selbst entwickeltes‘ neues Modell fertig. Keine Entwicklungszeit, keine Formkosten, kein Risiko durch Fehlversuche – man muss nur mutig genug sein, dann fließt das Geld schnell.“

Doch über die Jahre gerechnet hat Shi Jian diesen „Abkürzungsweg“ keinen einzigen Schritt betreten. „Wir haben von Anfang bis Ende kein einziges dieser zusammengebauten Modelle gemacht, die auf dem Markt alle bauen.“ Das sagt sich leicht, doch der Preis dafür sind echte Geldbeträge, die kaum zu stemmen sind.
Seit 2023 hat TAIMU seine gesamte Kraft in die Eigenentwicklung gesteckt. Das Unternehmen hat nur zwei Gesellschafter: Shi Jian und seinen Partner Ximi. Um die hohen Entwicklungskosten zu tragen, haben die beiden insgesamt über 10 Millionen Yuan hineingesteckt. Und wenn das Geld nicht reichte? Ximi verkaufte zwei Wohnungen, Shi Jian ebenfalls zwei. In der schwierigsten Zeit lagen auf dem Firmenkonto nur noch ein paar Hunderttausend Yuan, die Ausgaben überstiegen die Einnahmen, selbst der normale Betrieb war gefährdet.
„Ximi hat mir oft gesagt, dass er nachts nicht schlafen kann. Ich sagte, ich auch nicht.“ Wenn Shi Jian sich an diese Zeit erinnert, liegt noch immer eine Restangst in seinen Augenbrauen. Zwischendurch kamen Investoren auf sie zu und wollten Kapital einbringen, doch Shi Jian lehnte das Geld ab. „Kapital ist auf Gewinn ausgerichtet, wer einsteigt, will seine Investition schnell zurückholen. Sobald viel Kapital eingreift, muss man schnelle Rendite anstreben, und der Gründer kann nicht mehr frei nach seinen Vorstellungen handeln. Dann fällt es schwer, ein Produkt in Ruhe gut zu machen – und die ursprüngliche Absicht verändert sich.“

Drei Jahre Entwicklungszeit, jahrelange Verluste – was will Shi Jian eigentlich erreichen?
„Ursprünglich war ich Motorradhändler, erst 2018 habe ich zum Hersteller gewechselt. Früher habe ich offiziell importierte Suzuki-Motorräder verkauft. Nach meinem Verständnis von Motorrädern bin ich überzeugt, dass Chinesen Motorräder bauen können, die denen ebenbürtig sind.“ Shi Jians Beharrlichkeit entspringt seinem Vertrauen in die vier Worte „Made in China“ und noch mehr seinem Unmut über die Vorurteile aus dem Ausland in den vergangenen Jahrzehnten.
„In den letzten Jahrzehnten sagten Ausländer, wenn sie von chinesischen Motorrädern sprachen, besonders von Rennmaschinen, immer, das seien ‚Blender‘, ‚Müll‘, Dinge, die nach zwei Tagen kaputtgehen.“ Dieser Satz sitzt wie ein Stachel in Shi Jians Herzen. Er wollte es einfach nicht hinnehmen: „Ich will beweisen, dass Dinge aus chinesischer Fertigung nicht so schlecht sind, wie sie denken, dass sie auf der Weltbühne bestehen und fahren können.“
Wie beweist man das? Mit einer PowerPoint-Präsentation am Messestand kommt man nicht weit – man muss das Motorrad auf eine echte Rennstrecke bringen. Im Juli 2026 schickte TAIMU die serienmäßige S300R zur 23. Red Bull Romaniacs Hard Enduro. Damals hielten Branchenkollegen das für einen verrückten Schritt. Die Finisher-Rate dieser Veranstaltung lag über die Jahre unter 60 Prozent, die Strecke umfasst Geröll, Schlamm und steile Hänge – sie gilt weltweit als das schwierigste Enduro-Rennen. Noch verrückter: Dieses Team hatte keine ausländischen Fahrer, alle kamen aus dem eigenen Werksteam und waren Chinesen; und die S300R blieb während des gesamten Rennens im Serienzustand – keine einzige Schraube verändert, kein Parameter angepasst, nicht einmal die rennspezifischen Top-Stoßdämpfer wurden getauscht.
„Die ausländischen Rennmaschinen am Start geben allein für einen Satz Rennstoßdämpfer bis zu 120.000 Yuan aus.“ 120.000 – genug, um vier komplette TAIMU-Motorräder zu kaufen. Während des Rennens kamen viele ausländische Teams, um dieses chinesische Motorrad für nur 27.800 Yuan zu bestaunen. Sie fanden es unfassbar: Die Chinesen wagen es tatsächlich, mit einem Serienmotorrad eine so extreme Strecke zu fahren.

Der Fahrer Yang Songyi wirkte auf der Strecke besonders zäh. In den niedrig gelegenen, hochschwierigen Passagen überholte er sogar mehrfach die vor ihm fahrenden Maschinen und lag zeitweise unter den Top 20 der Bronze-Klasse. Zwar musste er am vierten Tag wegen Erschöpfung und eines Sturzes in eine Schlucht aufgeben, doch die GPS-Platzierung beim Ausstieg zeigte noch Rang 50.
Mehr als das Ergebnis interessiert Shi Jian das tatsächliche Verhalten des Motorrads unter extremen Bedingungen. „Gewinnen oder verlieren ist nicht wichtig, die Platzierung ist nicht wichtig. Ich muss unbedingt mit einem Motorrad aus meiner eigenen Fabrik fahren, ich muss unbedingt wissen, welche Mängel mein Motorrad hat.“ Er verabscheut die „Doppelstandards“, bei denen im Rennen Top-Teile verbaut werden, dem Kunden aber andere, gewöhnliche Teile verkauft werden.
„So wie im Rennen, so ist auch das Motorrad, das an die Kunden verkauft wird.“ Nach dem Rennen kehrte Shi Jian schlammbedeckt in die Werkstatt in Dazu zurück und ließ das Team sofort das beim Rennen offengelegte Problem mit dem hinteren Bremshalter optimieren; die gesamte Vergaserreihe wurde auf Einspritzung umgestellt; außerdem wurde die Rahmengröße an die tatsächliche Statur asiatischer Fahrer angepasst.
„Ob der, der das Motorrad baut, mit Herzblut dabei war oder es nur als Geschäft betrachtet hat – das spüren die Kunden.“ Shi Jian sagt, obwohl die Bilanz noch immer Verluste ausweist, sei er überzeugt, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Denn viele Fabriken, die in den ersten zwei Jahren mit dem schnellen Geld aus dem Zusammenbau von Standardform-Motorrädern verdienten, verzeichnen in diesem Jahr sinkende Absätze, während TAIMU, das an der Eigenentwicklung festhält, seine Produktpalette in diesem Jahr endlich vollständig ergänzt hat und Wachstum verzeichnet.

„Selbst wenn wir die Fabrik verkaufen würden, hätten wir kein Geldproblem. Aber ich will kein Unternehmer sein, der schnell Geld verdient – ich will jemand sein, der es wirklich wagt, ein Rennmotorrad auf die Strecke zu schicken.“ Shi Jians Worte sind wie sein Name: hart, aber mit Nachdruck.
